DIE BESSERE GESCHICHTE

DIE BESSERE GESCHICHTE
Romanlesung mit Anselm Neft

Moderation: Ebba Hagenberg-Miliu

Internatsroman, tragische Liebesgeschichte und eine Studie über
Verführung und Abhängigkeit — „Die bessere Geschichte“ von Anselm Neft
verhandelt große Fragen rund um den Umgang mit Traumata auf
atemberaubend spannende Weise. Im Mittelpunkt steht der sensible Tilman
Weber, der von seinem verwitweten
Vater auf ein alternatives Internat abgeschoben wird. Als Erwachsener
muss er sich gegen seinen Willen einer Vergangenheit stellen, die in ihm
immer noch lebendig ist.
„Die bessere Geschichte“ bietet keine einfachen Antworten, sondern
gewährt tiefe Einsichten in uns selbst und das Wesen unserer
Gesellschaft.

Anselm Neft, Autor mehrerer Romane und Sachbücher, besuchte das
Godesberger Aloisiuskolleg. Er lebt als Autor und Publizist in Hamburg.

Eintritt: 7 Euro
Karten über eurotheater@eurotheater.de oder 0228-65 29 51

Spiegel Online Rezension vom 18.03.2019

Missbrauchsroman
„Allein wie ein Kind, das sich selbst ausgesetzt hat“
Seit 2010 der systematische Missbrauch an der Odenwaldschule bekannt wurde, kommen immer wieder ähnliche Fälle ans Licht. Anselm Neft hat nun einen ebenso mutigen wie fesselnden Roman zu dem Thema geschrieben.
Von Peter Henning

„Ich kümmere mich um jeden Neuen so, wie es am besten ist. Keiner wird auf lange Sicht bevorzugt, und keiner wird vernachlässigt. Jede und jeder von Euch ist etwas Besonderes.“ Es sind Sätze wie diese, die Tilman Weber, den 13 Jahre alten Protagonisten in Anselm Nefts neuem Roman „Die bessere Geschichte“ spontan elektrisieren, als er in dem reformpädagogischen Internat „Freie Schule Schwanhagen“ dem charismatischen Salvador Wieland gegenübersteht und ihn reden hört.

Denn diese Sätze lassen ihn daran glauben, das zurückgewinnen zu können, was er verlor, nachdem seine Mutter sich umgebracht, und sein Vater, ein mit seiner Erziehung überforderter stockkonservativer Gefühlskrüppel ihn in das Internat an der Ostsee abgeschoben hat: den Glauben an sich selbst. „Niemand kannte mich hier. Ich konnte ganz von vorne anfangen. Ich konnte jemand anders sein. Ich wusste nur noch nicht, wer.“

Schnell ist Tilman, der in das „Wieland-Haus“ einzieht, in dem insgesamt elf Zöglinge und zwei Pädagogen zusammenleben, begeistert von dem antiautoritären Führungsstil. Ein Hauch vom „Club der toten Dichter“ mit Robin Williams weht durch das Wieland-Haus. Denn das dort praktizierte Lernkonzept, das die Kreativität des Einzelnen ins Zentrum stellt, erzeugt bei den Schülern das Gefühl, endlich in jenem geschützten Raum geborgen zu sein, nach dem sie sich immer sehnten.

So auch bei Tilman: „In diesen Momenten des Aufwachens glaubte ich, die Welt um mich herum zum ersten Mal tatsächlich zu sehen. Ein Film, der sonst über meinen Augen lag, schien nun fortgewaschen zu sein.“ Und als er obendrein Zugang zu der zunächst verschlossenen Ella findet, in die er sich verliebt hat, ergeben die Dinge für den Jungen plötzlich wieder einen Sinn. Doch das Verlangen der Zöglinge nach Geborgenheit und Selbstverwirklichung haben ebenso wie in Robert Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ aus dem Jahr 1906 auch bei Neft seinen Preis.
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Immer öfter müssen die Schüler Rituale über sich ergehen lassen, in deren Verlauf sowohl Salvador als auch Valerie Wieland sie sexuell missbrauchen und ihnen ihr Tun hinterher als Teil ihres pädagogischen Konzepts verkaufen. Schließlich macht Valerie Tilman zu ihrem ganz persönlichen Liebhaber. Das erlebt der Junge als befremdend. Die Gründe dafür aber sucht er bei sich.

Hochkomplexe Abhängigkeitsstrukturen

Mit einem hauchfeinen Sensorium ausgestattet, vermag es Neft glänzend, uns die komplizierten Gefühlslagen seine Opferfiguren zu offenbaren, ohne dabei vorschnell in das gängige Täter-Opfer-Schema abzugleiten. Denn es handelt sich dabei häufig um hochkomplexe, wechselseitige Abhängigkeitsstrukturen, die er uns von innen heraus erklärt.

Ähnlich wie in Tilmans Fall – und das zeigt sein Roman – ist es nämlich oftmals eine für Außenstehende schwer verständliche Art des Geben und Nehmens, die das prekäre Ungleichgewicht zwischen Opfern und Tätern in der Schwebe hält: Tilman gibt sich ihnen körperlich hin – kann sich dafür aber im Gegenzug ihrer uneingeschränkten Solidarität sicher sein. Ein wahrhaft perfider Handel.

Doch es müssen 27 Jahre vergehen, ehe Tilman, inzwischen ein bekannter Schriftsteller und durch eine Mail von Ella dazu gebracht, beginnt, die weit zurückliegenden Ereignisse in den Kellern des Wieland-Hauses kritischer zu reflektieren. Ella ist fest entschlossen, die Wielands für ihre Taten zur Rechenschaft zu ziehen und setzt dabei auf Tilmans Unterstützung. Der aber tut sich lange schwer damit. Denn er ist nicht bereit, die eigene Opferrolle anzuerkennen.
Mit großem Einfühlungsvermögen in seine Figuren versteht es Anselm Neft, uns mit Tilman einen Charakter vorzuführen und psychologisch zu entschlüsseln, der uns – gefangen in seinen „Prägungen“ – stellvertretend für zahllose andere offenbart, wie diese auch Jahrzehnte später noch in ihm „wirken“. (…)
Anselm Neft, 1973 in Bonn geboren und im vergangenen Jahr für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert, gibt mit seinem mitreißend geschriebenen Buch all jenen eine Stimme, die in der Odenwaldschule, den kirchlichen Institutionen und sonst wie gearteten Ordensgemeinschaften dieses Landes ähnliches erlebt haben – und die doch bis heute schweigen müssen, weil ihre anhaltende Indifferenz den Erlebnissen gegenüber es ihnen weiterhin verbietet. Dafür ist ihm nicht genug zu danken.