DIE VERWANDLUNG

Franz Kafka
DIE VERWANDLUNG

Inszenierung: Stefan Herrmann | Ausstattung: Anne Brüssel, Astrid Hammer
Mit Anna-Maria Wasserberg, Jana Reiß., Johannes K. Prill, Lucas Sanchez

 

Generalanzeiger Bonn | Artikel vom 26.03.2011
Kafkas „Verwandlung“ eines Menschen zum Ungeziefer im Euro Theater Central

Stefan Herrmann inszeniert Kafkas berühmte Albtraum-Erzählung in einer Bühnenfassung des Schauspielhauses Zürich sprachlich sehr genau und gleichzeitig als körperliche Herausforderung.
Bonn. Es sei eine „ausnehmend ekelhafte Geschichte“ schrieb Franz Kafka im Winter 1912 während der Arbeit an seiner Erzählung „Die Verwandlung“ an seine spätere Verlobte Felice Bauer.
Das „ungeheure Ungeziefer“, in das Gregor Samsa sich eines Morgens nach unruhigen Träumen verwandelt findet, bleibt auf der Bühne des Euro Theaters eine groteske Fiktion. Die gleich gekleideten vier Akteure in schwarzen Hosen und gestreiften Hemden mit grauer Fliege hängen zu Beginn wie erstarrte Insekten an einem dreistöckigen Bettgestell, das die Ausstatterinnen Anne Brüssel und Astrid Hammer in der Mitte des Raumes platziert haben.
Sie krabbeln und kriechen kopfüber zwischen den Latten herum, berichten ungerührt von der merkwürdigen Metamorphose und sprechen einzelne Textpassagen im Chor. Gepanzert und schutzlos ist die ganze Familie angesichts der plötzlichen Verkäferung ihrer bürgerlichen Existenz.
Stefan Herrmann inszeniert Kafkas berühmte Albtraum-Erzählung in einer Bühnenfassung des Schauspielhauses Zürich sprachlich sehr genau und gleichzeitig als körperliche Herausforderung. Seine Regie entwickelt einen musikalisch-tänzerischen Rhythmus für die Aktionen, die einen menschlichen Fremdkörper immer weiter isolieren und schließlich unmenschlich zerstören.
Philipp Schlomm spielt mit ungeheurem physischem Einsatz den unversehens zum diverse Körperflüssigkeiten absondernden Mistkäfer mutierten Sohn Gregor, der vor dieser Verwandlung den Lebensunterhalt der Familie bestritt. Er kämpft mit seiner imaginären Gestalt, den schmerzhaft einknickenden Beinchen, dem aufgeblähten Leib und den schweren Flügeln, die zum Abheben nicht taugen. Er sucht mit den Schuhen Halt am oberen Deckenbalken, klebt hilflos in seinem Bettgefängnis zwischen Oben und Unten.
Seine junge Schwester Grete schiebt ihm immer ungenießbarere Nahrung ins unheimliche Zimmer. Jana Reiß verkörpert das vom brüderlichen Unglück gerührte blonde Mädchen, für dessen Geigenstudium Gregor sparte. Sie wird freilich auch aktiv, schiebt das eklige Bettgestell beiseite und schafft Raum für die Wiederherstellung der sauberen Ordnung. Johannes K.Prill als Vater gesteht am Kaffeetisch, dass die finanzielle Situation nicht so schlecht ist, wie man dem ausgebeuteten Sohn Jahre lang eigennützig vorgemacht hat.
Als blutsaugerisches „Ungeziefer“ bezeichnete Kafka selbst seinen Erzeuger in seinem verbitterten langen „Brief an den Vater“. Hier vernagelt der Vater buchstäblich den Käfig seines peinlichen Sprösslings, der am Ende zwischen Nagelköpfen und -spitzen und in seinem Rücken festgefressenen, faulenden Äpfeln verendet.
Begleitet von den Krokodilstränen, die Christine Kättner als Mutter unter leisem Gesang dem sterbenden Ungeheuer widmet, nachdem die Familie es unter einer transparenten Plane versteckte, um sich selbst vor der Widerlichkeit des hässlichen Spiegelbildes ihres Schmarotzerdaseins zu schützen.
Während Vater, Mutter und Schwester von der Ungezieferplage erlöst ins Grüne fahren, kriecht der Sohn aus seinem dreckigen Grabloch und räumt auf. Lächelnd betrachtet er seine unter den Tisch entsorgte Kaffeetasse. Möglicherweise hat er die böse Geschichte von seiner eigenen Entsorgung nur als grausame Komödie geträumt. Glänzend gespielt, perfekt inszeniert. Ein bestechendes Theaterereignis.